Astronauten am Berg
Fragt man, was Strategie ist, bekommt man einen Berg gemalt. Die Mission erklärt, warum wir überhaupt auf diesen Berg wollen. Der Gipfel ist die Vision. Die Strategie ist die Route dorthin. Damit sind das Warum, das Wohin und das Wie beantwortet. Wer da hinauf soll, kommt in dem Bild nicht vor.
Dabei hängt an dieser Frage, ob die Route überhaupt taugt. Vielleicht sind es gar keine Bergsteiger. Vielleicht sind es Astronauten. Der Vergleich ist weniger schief, als er klingt. Auch Astronauten wollen sehr hoch hinaus. Sie sind hervorragend ausgebildet. Ihr Können besteht darin, Abläufe exakt einzuhalten, während am Boden eine Missionskontrolle jeden Schritt verfolgt. Am Berg gibt es keine Missionskontrolle. Dort entscheidet, wer am Seil hängt, über Route und Umkehr.
Geht es dann nicht voran, lautet die Diagnose Execution Gap. Die Leute müssten nur besser umsetzen. Sie setzen aber eine Strategie um, die für eine andere Firma geschrieben wurde. Diese Firma gibt es nur im Zielbild. Eine Astronautin, die am Seil zögert, ist keine schlechte Astronautin. Holt man stattdessen Bergsteiger, kommen sie in eine Firma voller Checklisten und Missionskontrolle. Glücklich werden sie dort nicht.
Für das Wer einer Firma hat die Forschung einen Begriff, organisationale Identität. Die klassische Definition von Stuart Albert und David Whetten aus dem Jahr 1985 nennt sie zentral, überdauernd und unverwechselbar. Dennis Gioia und Kollegen hielten im Jahr 2000 dagegen, sie wirke nur stabil, weil die Bezeichnungen blieben, während ihre Bedeutungen wanderten. In meinem Working Paper ersetze ich „überdauernd“ durch „in Verhandlung“. Identität ist weder fest noch bloß im Fluss. Sie verändert sich sehr langsam. Anspruch und gelebte Taten verhandeln sie jeden Tag neu, zwischen Kolleginnen und Kollegen und in jedem Einzelnen.
Wäre Identität überdauernd, blieben Astronauten Astronauten. Dann bliebe nur, sie zu übergehen und trotzdem für Bergsteiger zu planen. Weil sie verhandelbar ist, führt ein Weg vom einen zum anderen. Er beginnt damit, die Lücke auszusprechen. „Wir waren gute Astronauten. Jetzt wollen wir auf diesen Berg. Dafür müssen wir anders werden, als wir sind.“
Was unsichtbar bleibt, regiert weiter.