Auf halber Höhe

In Münster steigt ein Schiff 6,20 Meter, ohne einen Meter zu fahren.
Es liegt in der Schleuse am Dortmund-Ems-Kanal. Hinter ihm ist das Tor zu, das vordere auch. Wasser fließt in die Kammer. Es kommt aus der oberen Haltung, so heißt die Strecke zwischen zwei Schleusen. Das Schiff steigt mit. Den Antrieb verbietet die Binnenschifffahrtsstraßen-Ordnung, solange es festgemacht ist. Eine Schleusung dauert rund 50 Minuten.
So lange ist das Schiff nicht oben und nicht unten. Bewegung, die aussieht wie Stillstand. Dieses Zwischen gehört zur Fahrt. Sonst kommt keines auf eine andere Höhe.
Jede Transformation hat so eine Kammer. Im Markt ist etwas passiert, der Übergang hat begonnen. Das Neue steht auf dem Papier. Angekommen ist noch niemand.
Nur hört das Wasser in vielen Firmen irgendwann auf zu steigen. Zu sehen ist das kaum, an Deck ist Betrieb. Die Kalender sind voll von Meetings, bei denen am Ende nichts entsteht. Man tänzelt um die eigentlichen Themen herum und kümmert sich um Oberflächlichkeiten. Sogar die Maschine läuft. Stillstand, der sich wie Bewegung anfühlt.
Der Soziologe Hartmut Rosa kennt das von ganzen Gesellschaften. Er nennt es rasenden Stillstand, schnellen Wandel ohne Richtung.
In der Kammer lässt sich das aushalten. Keine Strömung, kein Gegenverkehr, links und rechts eine Wand. Stehen kostet kein Wasser, jeder Ausgang schon. Also richtet man sich ein.
Ein Liegeplatz ist die Kammer nicht. Auf halber Höhe geht kein Tor auf. Das Wasser steht innen tiefer als oben und höher als unten. Hinaus führt nur Wasser. Hinauf muss mehr davon hinein. Zurück geht verloren, was schon drin ist. Beides ist eine Entscheidung, beides endet in einer Haltung.
Kein Schiff bleibt auf Dauer in der Kammer. Bewegt die Firma das Wasser nicht selbst, bewegt es eines Tages ein anderer. Den Anlass hat der Markt gegeben. Dann gibt er auch die Richtung.
Woran seht Ihr, ob bei Euch das Wasser steigt?