Das eigene Pferd

Constantin Melchers · 3 Min. Lesezeit

Ein Steckenpferd aus gefaltetem weißem Papier liegt schräg am Boden. Nur das Innere der Ohren ist violett.
Steckenpferd

Diesen Text schreibe ich zum dritten Mal. Ein totes Pferd, könnte man sagen. Ich steige trotzdem wieder auf.

Die Weisheit dazu kennt jeder. Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab. Erzählt wird sie gern in Workshops, samt einer langen Liste dessen, was Organisationen stattdessen tun.

Lustig ist das, solange das Pferd jemand anderem gehört.

Was heißt „ein totes Pferd reiten“?

Ein totes Pferd reiten heißt, an etwas festzuhalten, das nicht mehr trägt. Alle sehen es, nur der Reiter nicht. So jedenfalls erzählt es der Witz.

Zusammen mit der Liste heißt das Ganze Dead Horse Theory. Meist beginnt sie mit einer stärkeren Peitsche und einem neuen Reiter. Danach hat jede Fassung ihre eigenen Punkte. In einer nimmt man dem Pferd den Sattel ab, damit es weniger tragen muss. Eine andere endet mit dem Hinweis, dass die Pferde anderer praktisch auch schon tot sind. Mein Vorschlag für die nächste Fassung: die Peitsche lauter knallen lassen.

Woher kommt die Dead Horse Theory?

Angeblich stammt der Spruch von den Dakota. Eine Quelle dafür habe ich in keiner Fassung gefunden. Auf Deutsch steht die Liste 2003 in einem Forum für Modell-Lastwagen. Auf Englisch lief sie als Witz per E-Mail, unter dem Betreff „Dead Horse Strategies“, gemünzt auf Schule und Wirtschaft. Wann sie entstand, sagen beide nicht.

Ernst genommen hat das Phänomen die Forschung. Barry Staw beschrieb 1976, wie Menschen an einem eingeschlagenen Weg festhalten und weiter hineinstecken, auch wenn er scheitert. Er nannte das Escalation of Commitment. Hal Arkes und Catherine Blumer zeigten 1985, dass Menschen eher weitermachen, sobald sie Geld, Mühe oder Zeit investiert haben. Das ist der Sunk-Cost-Effekt. Der Witz verdichtet beides auf ein Pferd.

Was übersieht der Spruch?

Der Spruch setzt beim Absteigen an. Die Mühe liegt davor. Erst einmal muss jemand merken und sich eingestehen, dass das Pferd tot ist.

Der Witz lebt von einem Erzähler, der mehr sieht als der Reiter. Wer zuhört, steht neben ihm und schüttelt den Kopf. Im Sattel sitzt im Witz immer jemand anderes.

Von oben fühlt sich das anders an. Wer reitet, merkt zuerst nur, dass es mühsamer wird. Wer das Pferd selbst gesattelt hat, will es am wenigsten wahrhaben. Erst recht, wenn es jahrelang jedes Rennen gewonnen hat. Von innen sieht es dann aus wie Erbe. Erbe reitet man mit Stolz.

Woran erkennt man das eigene tote Pferd?

Selten an einem großen Moment, eher an Umwegen. Vorn in jeder Präsentation steht noch etwas, um das im Alltag alle still herumarbeiten.

Oder an der einen Fähigkeit, die als selbstverständlich gilt und die niemand mehr prüfen darf, ohne anzuecken.

Manches Pferd ist weniger ehrenwert. Es wird weitergeritten, weil Budget oder Karriere daran hängen. Auch das gehört auf den Tisch.

Zwei Fragen helfen. Welches unserer Pferde reiten wir, weil es einmal gewonnen hat? Und welches trägt heute noch?

Wer absteigt, ist noch nicht angekommen. Wie es sich zwischen dem alten Pferd und dem nächsten anfühlt, beschreibt Auf halber Höhe.

Lachen darf man weiter. Am besten zuerst über das eigene Pferd.

Quellen

Ich bin Constantin. Mich interessieren philosophische Ideen, alltägliche Widersprüche und die Geschichten, die wir über uns erzählen. Hier schreibe ich auf, was ich unterwegs finde.

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