Früher hieß das Anstand

Was macht eine gute Führungskraft aus? Wer das sucht, findet Listen. Mal stehen sechs Eigenschaften darauf, mal sieben, acht oder fünfzehn. Vision gehört dazu, Resilienz, Entscheidungsfähigkeit und Empathie. Eine Liste wünscht sich wertschätzendes Durchsetzungsvermögen. Zusammen ergeben sie einen Menschen, den es nicht gibt.
Liest man die Listen genau, kennt man das meiste von woanders. Aus Zuhören ist ernsthaftes Zuhören geworden, aus Danke sagen Wertschätzung, aus Nachsicht Fehlerkultur. Früher hieß das Anstand. Eine gute Führungskraft ist zuerst ein anständiger Mensch im Umgang mit anderen. Was darüber hinausgeht, ist Handwerk, das man lernen kann.
Woher kommt der Superheld?
Im Mai 1840 hielt Thomas Carlyle sechs Vorträge über Helden. Im ersten steht der Satz, die Geschichte der Welt sei nichts als die Biographie großer Männer. Ihm wird die Great-Man-Theorie zugeschrieben. Heute klingt das nach Museum. Ausgezogen ist der Held trotzdem nie. Er trägt jetzt Strickjacke und hört zu.
Warum er bleibt, haben James Meindl, Sanford Ehrlich und Janet Dukerich 1985 in Archivstudien und Experimenten untersucht. Führung ist für sie eine Erklärung, mit der wir uns verständlich machen, was in Organisationen geschieht. Sie nannten das die Romantik der Führung, eine verklärte Vorstellung von dem, was die Person an der Spitze bewirkt. Die Romantik ist geblieben und mit ihr der Griff nach der einen Person, die alles erklärt. Bewundert wird an ihr heute vor allem, wie menschlich sie ist.
Warum klingt Zuhören nach Führung?
Mats Alvesson und Stefan Sveningsson haben 2003 Führungskräfte eines großen, internationalen Wissensunternehmens interviewt. Die betonten, wie wichtig ihnen das Zuhören und das zwanglose Gespräch seien. Bedeutsam seien diese Handlungen weniger an sich, schreiben die beiden. Ihren besonderen Wert bekämen sie, weil Führungskräfte sie tun. Für sie entsteht Führung dort, wo Alltägliches zum Außerordentlichen erhoben wird.
Inzwischen ist der Anstand sogar vermessen. 2005 beschrieben Michael Brown, Linda Treviño und David Harrison ethische Führung als angemessenes Verhalten im eigenen Handeln und im Umgang mit anderen, das man auch bei den Geführten fördert. Sie entwickelten dazu einen Fragebogen. In einer Meta-Analyse fanden Julia Hoch und Kollegen 2018, dass ethische und authentische Führung kaum mehr erklären als die ältere transformationale Führung. Zum Teil messen die neuen Namen also, was schon gemessen wurde.
Vorgesetzter, Manager oder Anführer?
Vorgesetzte werden gesetzt. Das Wort ist seit dem 16. Jahrhundert belegt. Schon im 9. Jahrhundert übersetzte ein althochdeutsches Wort das lateinische praepositus, den Vorangestellten. Jemand hat einen vor andere gesetzt. Von denen, vor die man gesetzt wird, erzählt das Wort nichts.
Manager kommt über das englische to manage vom italienischen maneggiare, handhaben und lenken. In die deutsche Wirtschaftssprache kam es um 1900. Manager ist man durch das, was man kann. Für sein Buch Managing hat Henry Mintzberg 29 Manager je einen gewöhnlichen Arbeitstag lang beobachtet. Management sei eine Praxis, schreibt er, vor allem durch Erfahrung gelernt und im Kontext verwurzelt. Manager und Leader will er gar nicht erst trennen, Führung sei gut gemachtes Management.
Zum Anführer machen einen nur die, die folgen. Ein Titel hilft dabei nicht. Meindl hat den Gedanken 1995 zu einer Theorie ausgebaut, die bei den Folgenden ansetzt.
Aus meiner Sicht sehen sich gern alle als Anführer. In der Regel sind sie nur schlechte Vorgesetzte, im besten Fall passable Manager.
Wie es von unten aussieht, misst Gallup. Ende 2024 vertrauten nur 21 Prozent der Beschäftigten in Deutschland ihrer Führungskraft uneingeschränkt, 2019 waren es 49 Prozent. Äußerst zufrieden mit ihrem direkten Vorgesetzten waren 16 Prozent, 2014 noch 28.
Was bleibt ohne Umhang?
Die Listen vom Anfang landen bei Empathie und Wertschätzung. Als Kompetenz verstanden, ist Menschlichkeit nur der nächste Umhang.
Anstand ist bescheidener, er kommt ohne Charisma und ohne Vision aus. Gallup erwähnt beides nicht, wenn es gute Vorgesetzte beschreibt. Sie klären Erwartungen, setzen Prioritäten, stecken Verantwortlichkeiten ab und sorgen dafür, dass alles da ist, was man zum Arbeiten braucht. Sie fragen ihre Leute nach ihrer Meinung und hören zu. Auch das Wort von den Listen steht dort, Wertschätzung für die Leistung. Gemeint ist wohl, dass jemand Danke sagt.
Von einer Führungskraft verlangt Anstand nicht mehr als von jedem anderen. Er verlangt es nur vor mehr Zeugen. Was eine Führungskraft tut, bekommt nach Alvesson und Sveningsson einen besonderen Wert. Das dürfte für jede Unhöflichkeit gelten wie für jedes Danke. Die Arbeit mit Menschen lässt sich an niemanden abgeben, auch nicht an die Personalabteilung. Sie braucht eine Vorgesetzte, die anständig ist, und einen Manager, der sein Handwerk kann, oft in derselben Person. Ob daraus eine Anführerin wird, entscheiden die anderen.
Man darf das ruhig wieder Anstand nennen.
Quellen
- Ilyas Demir: Gute Führung 2026: Diese 6 Eigenschaften braucht dein Chef wirklich. kununu News, 17.02.2026, aktualisiert am 08.04.2026.
- Sparrks: Die 7 wesentliche Eigenschaften einer guten Führungskraft. 20.02.2023, aktualisiert am 01.02.2024.
- Experteer Magazin: Die 8 wichtigsten Eigenschaften einer guten Führungskraft. 13.04.2018, aktualisiert am 20.06.2022.
- Karriereakademie, Püttjer & Schnierda: Diese 5-10-15 Eigenschaften beweisen gute Führungskräfte! Abgerufen am 20.10.2026.
- Celine Oechler: Eigenschaften einer Führungskraft: Das ist wichtig. Haufe Akademie, 08.08.2025.
- Thomas Carlyle: On Heroes, Hero-Worship, and the Heroic in History. Vorträge vom 5. bis 22. Mai 1840, Lecture I. Project Gutenberg.
- James R. Meindl, Sanford B. Ehrlich, Janet M. Dukerich: The Romance of Leadership. Administrative Science Quarterly 30 (1), 1985, S. 78–102.
- Mats Alvesson, Stefan Sveningsson: Managers Doing Leadership. The Extra-Ordinarization of the Mundane. Human Relations 56 (12), 2003, S. 1435–1459.
- Michael E. Brown, Linda K. Treviño, David A. Harrison: Ethical leadership. A social learning perspective for construct development and testing. Organizational Behavior and Human Decision Processes 97 (2), 2005, S. 117–134.
- Julia E. Hoch, William H. Bommer, James H. Dulebohn, Dongyuan Wu: Do Ethical, Authentic, and Servant Leadership Explain Variance Above and Beyond Transformational Leadership? A Meta-Analysis. Journal of Management 44 (2), 2018, S. 501–529.
- DWDS: Vorgesetzte und Manager, Etymologie nach Wolfgang Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Abgerufen am 20.10.2026.
- James R. Meindl: The romance of leadership as a follower-centric theory. A social constructionist approach. The Leadership Quarterly 6 (3), 1995, S. 329–341.
- Gallup: Engagement Index Deutschland 2024. Bericht, März 2025. Telefonische Befragung von 1.700 Beschäftigten vom 18.11. bis 20.12.2024.
- Gallup: Engagement Index Deutschland 2025. Fragen und Antworten, „Was machen ‚gute‘ Führungskräfte besser als ‚schlechte‘?“, abgerufen am 20.10.2026.
- Henry Mintzberg: Managing. Berrett-Koehler, 2009. Zitiert nach der Beschreibung des Verlags.