Keine Lust auf Zukunft
In Krankenhäusern gibt es ein Wort dafür, wenn Warnungen ihre Wirkung verlieren: Alarmmüdigkeit. Die Monitore piepen so oft und erfordern so selten eine Handlung, dass das Personal irgendwann auch wichtige Alarme überhört. Ein Warnton wird zum Rauschen. Das hat Menschen das Leben gekostet.
Auch Zukunft kann zum Hintergrundrauschen werden. Ich beobachte, wie selbstverständlich wir sie als etwas behandeln, das uns angekündigt wird. Jede Woche soll etwas alles verändern. Nächste Woche das Nächste. Neue Technologien, neue Prognosen. Immer sollen wir uns vorbereiten. Selten werden wir gefragt, worauf wir eigentlich hinauswollen.
Deine Zukunft wird anderswo ausgerechnet und Dir zugestellt. Eine fertige Folie, von anderen gedacht. Du darfst Fragen stellen. Die Richtung steht schon fest.
Du sitzt im Publikum Deiner eigenen Zukunft.
Vielleicht beginnt ein Teil der Zukunftsmüdigkeit genau dort. Du hörst, was sich alles ändern wird, und findest darin keine Stelle, an der Deine Entscheidung zählt. Irgendwann sparst Du Dir die Aufmerksamkeit. Dieser Rückzug ist nachvollziehbar. Nur geraten dabei auch die Spielräume aus dem Blick, die es noch gibt.
Ich verkaufe Denken. Und weiß, wie schnell ich anderen ihre Zukunft zu Ende denke, bis sie nur noch zusehen. Also lege ich offen, was unsicher ist. Zeige andere Möglichkeiten, erkläre, wovon eine Entwicklung abhängt.
Trotzdem stoße ich auf den Wunsch: „Mach es eindeutig. Null oder Eins. Hau mir bloß ab mit den anderen Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Sag mir doch einfach, was kommt.“
Ich verstehe das. Wer entscheiden muss, sehnt sich irgendwann nach einem Satz, auf den er sich verlassen kann. Ich soll Orientierung geben. Wie viel Ungewissheit darf dabei noch sichtbar bleiben, bevor meine Antwort als Ausweichen gilt?
Die fertige Zukunft wird auch bestellt. Am liebsten als Backmischung.
Es ist verführerisch, sie zu liefern. Die Folie wird klarer. Für einen Moment sind alle erleichtert. Nur wird die Zukunft dadurch keinen Deut eindeutiger.
Ich kann sagen, welchen Weg ich wählen würde. Warum ich ihn wählen würde. Und was passieren müsste, damit ich meine Einschätzung ändere. So lässt sich entscheiden. Die Ungewissheit bleibt mit am Tisch.
„Das wollen wir. Das wollen wir nicht. Hier probieren wir etwas anderes.“
Eine Zukunft, an der Du mitentscheiden kannst, gibt Dir einen Grund, wach zu bleiben. Dafür reicht es nicht, Menschen für zuständig zu erklären. Wer Verantwortung tragen soll, braucht die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Sonst wird auch die Aufforderung, Zukunft zu gestalten, irgendwann zum Rauschen.