Die kleine Schwester der Strategie

Constantin Melchers · 4 Min. Lesezeit

Eine Schneiderschere aus gefaltetem weißem Papier, leicht geöffnet. Ein Auge ist groß, das andere klein. Die Innenseiten der Klingen sind violett.
Zwei Hälften

Taktik gilt als die kleine Schwester der Strategie. Verwandt, aber nicht dabei, wenn es wichtig wird. Im Alltag werden die beiden behandelt, als hätten sie nichts miteinander zu tun.

Das Gegenteil ist der Fall. Strategie legt fest, wohin eine Organisation will und was sie dafür lässt. Taktik legt fest, wie sie auf dem Weg vorgeht. Das sind zwei Hälften einer Arbeit. Keine kommt ohne die andere aus.

Was ist der Unterschied zwischen Strategie und Taktik?

Beide Wörter kommen aus dem Griechischen und aus dem Krieg. Stratēgia war die Kunst, ein Heer zu führen. Taktikē war die Kunst, es aufzustellen.

Am genauesten sagt es Carl von Clausewitz. In „Vom Kriege“ nennt er die Taktik „die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht“ und die Strategie „die Lehre vom Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges“.

Das Gefecht steht in beiden Hälften. An ihm hängen die zwei zusammen. Die Taktik führt es, die Strategie gebraucht es. Ohne Taktik hat die Strategie nichts in der Hand. Ohne Strategie weiß die Taktik nicht, wofür.

In eine Organisation übersetzt sind das zwei Entscheidungen.

  • Strategie entscheidet, wo die Organisation antritt und wo sie es lässt.
  • Taktik entscheidet, wie sie dort vorgeht, in jeder Lage wieder.

Warum gilt Taktik als das Kleinere?

Strategisch heißt im Büro wichtig. Taktisch heißt geschickt, manchmal bloß schlau. Wer etwas „rein taktisch“ nennt, meint selten ein Lob.

Im Wörterbuch findet sich das wieder. Das Etymologische Wörterbuch nennt Strategie im allgemeinen Sinn „höhere Planung“. Für Taktik führt das DWDS als übertragene Bedeutung „geschicktes, planmäßiges Verhalten“. Unter den Zusammensetzungen stehen Wachstumsstrategie und Zukunftsstrategie. Bei der Taktik stehen Verzögerungstaktik, Verschleierungstaktik und Verschleppungstaktik.

Die Betriebswirtschaft ordnet nach der Frist, in strategische, taktische und operative Planung. Die taktische heißt dort auch Mittelfristplanung. So wird aus Taktik eine Strategie in mittlerer Größe.

Oft zitiert wird ein Satz, unter dem meist Sun Tzu steht. „Strategie ohne Taktik ist der langsamste Weg zum Sieg. Taktik ohne Strategie ist der Lärm vor der Niederlage.“ In der „Kunst des Krieges“ steht er nicht. Wikiquote führt ihn als falsch zugeschrieben. Die früheste Fundstelle bei Google Books ist danach von 2002.

Der Satz weiß immerhin, dass die beiden einander brauchen. Den Rang hält er trotzdem ein. Strategie allein gewinnt bei ihm noch, nur langsam. Taktik allein verliert.

Und was ist operativ?

In Organisationen kommt ein Drittes dazu, die Maßnahme. Im Dreiklang strategisch, taktisch, operativ ist sie das Operative. Vieles, was im Alltag taktisch heißt, ist eine Maßnahme. Der Unterschied lässt sich prüfen.

  • Eine Maßnahme sagt, was getan wird. Sie wird abgehakt.
  • Eine Taktik sagt, wie vorgegangen wird. Sie wird angewendet, immer wieder.

Ein Großhändler für Dachbedarf, erfunden für diesen Beitrag.

  • Strategie. Wir beliefern Handwerksbetriebe in der Region. Baumärkte beliefern wir nicht.
  • Taktik. Wir liefern lieber selbst und teurer als billig und zu spät.
  • Maßnahme. Bis März einen dritten Fahrer einstellen.

Freitag, kurz vor vier. Eine Dachdeckerin braucht bis Montag früh vierzig Meter Rinne. Der Spediteur hat keinen Platz mehr. Auf der Liste der Maßnahmen steht der Fall nicht. Die Taktik sagt, dass der eigene Wagen fährt. Niemand muss dafür nachfragen.

Taktik hilft bei Entscheidungen, die niemand geplant hat. An dem Freitag zeigt sich auch, wie die zwei zusammenhängen. Die Taktik kommt aus der Strategie. Wer Handwerksbetriebe beliefert, wird an der Baustelle gemessen. Die Strategie wiederum wird erst wahr, wenn der Wagen fährt.

Was passiert, wenn man die beiden trennt?

Eine Strategie und eine Liste von Maßnahmen haben die meisten Organisationen. Das Wie dazwischen bleibt oft unausgesprochen. Dann wandert jede ungeplante Frage nach oben.

Gelebte Taktiken gibt es trotzdem fast überall, nur ohne Namen. Vielleicht fehlt der Name, weil das Wort so klein klingt.

Wie man sie findet und aufschreibt, steht in OKR fehlt ein Buchstabe. Dort heißen sie Key Tactics.

Wie geht Ihr vor, wenn niemand nachfragen kann?

Quellen

  • Carl von Clausewitz: Vom Kriege, Zweites Buch, Erstes Kapitel, „Einteilung der Kriegskunst“.
  • DWDS: Strategie und Taktik, mit dem Etymologischen Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer.
  • Wikiquote: Sun Tzu, Abschnitt „Misattributed“.
  • Wikipedia: Unternehmensplanung.

Ich bin Constantin. Mich interessieren philosophische Ideen, alltägliche Widersprüche und die Geschichten, die wir über uns erzählen. Hier schreibe ich auf, was ich unterwegs finde.

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