Was nie zu Ende geht

Change Fatigue heißt auf Deutsch Veränderungsmüdigkeit. Gemeint ist eine Erschöpfung durch wiederholte, parallele oder fortlaufende Veränderungen bei der Arbeit. In einer Befragung der TU Dresden mit 2.808 Beschäftigten war ein Drittel betroffen.
Am deutlichsten war dort ein Wunsch. Die meiste Zustimmung bekam der Satz „Ich würde gern eine Phase der Stabilität sehen, bevor wir irgendetwas anderes in meinem Betrieb verändern.“ Mehr als jede Aussage über zu viele Veränderungen.
Oft fehlt genau das, ein Ende. Das Neue ist angekündigt. Das Alte läuft weiter. Schon beginnt das nächste Projekt.
So verliert Veränderung ihre Glaubwürdigkeit. Wer dreimal erlebt hat, dass nichts ankommt, wartet beim vierten Mal ab.
Was ist Change Fatigue?
In der Forschung gewinnt der Begriff seit den 2010er-Jahren an Bedeutung, schreiben die Autorinnen der Dresdner Studie. Die TU Dresden hat mit einer Skala von Bernerth und Kollegen aus dem Jahr 2011 gemessen, sechs Sätze, denen man mehr oder weniger zustimmt. Einer davon ist der Satz mit der Stabilität.
Change Fatigue ist leiser als Widerstand. Widerstand will eine Veränderung verzögern oder verhindern. Change Fatigue zeigt sich vor allem in weniger Motivation und in Apathie. Von Burnout unterscheidet sie, dass sie aus Tempo und Wucht der Veränderungen entsteht.
In der Dresdner Befragung waren Beschäftigte großer Unternehmen häufiger betroffen als die in kleinen und mittleren. Der Unterschied war statistisch gesichert, aber schwach.
Warum verliert Veränderung ihre Glaubwürdigkeit?
Jede Veränderung verspricht, dass danach etwas anders ist. Kommt das Danach nicht, bleibt vom Versprechen nur die Ankündigung. Die Kommunikationsberaterin Andrea Montua schreibt im KOM-Magazin: „Kompetenz leidet, wenn Projekte laufen, Kampagnen ausgerollt werden, aber spürbare Wirkung ausbleibt.“
Machteld und Michiel de Vries von der Radboud-Universität in Nijmegen haben Beschäftigte einer europäischen Bank befragt. Sie hatten in ihrem Berufsleben im Schnitt sieben Reorganisationen erlebt. Je mehr es waren, desto müder waren sie. Ob die letzte als Erfolg galt, ob sie beteiligt waren, wie gut ihre Führung war, änderte daran nichts. Den stärksten Anteil daran hatte die Unsicherheit.
Die Forschung kennt dazu ein Nachbarwort, Change-Zynismus. Gemeint ist eine pessimistische Haltung gegenüber Veränderungen. Sie geht oft mit Misstrauen gegenüber der Führung einher.
Noufou Ouédraogo und Mohammed Laid Ouakouak haben 2020 beides zusammen untersucht, mit 320 Befragten aus verschiedenen Organisationen. Dem Erfolg einer Veränderung schadete die Müdigkeit erst über den Zynismus. Müder machten Veränderungen, die einem Trend der Branche folgen. Weniger müde und weniger zynisch machten solche, deren Folgen fürs Geschäft man erkennt.
In Auf halber Höhe heißt der Zustand dazwischen Stillstand, der sich wie Bewegung anfühlt. Wann eine Ankündigung zum Rauschen wird, beschreibt Keine Lust auf Zukunft.
Woran erkennt Führung das?
Gesehen wird es. In einer Befragung von FTI Consulting und der Quadriga Hochschule berichteten 85 Prozent der Entscheider von Veränderungsmüdigkeit in ihren Belegschaften, 77 Prozent von einem spürbaren Vertrauensverlust.
Die Anzeichen sind leise. Ein neues Vorhaben wird höflich begrüßt und dann abgewartet. Niemand fragt mehr, was dafür aufhört. Im Meeting wird genickt, danach läuft es wie vorher. Wer müde ist, wartet erst einmal. Bei der nächsten großen Veränderung wird daraus Widerstand, schreiben de Vries und de Vries.
Hinsehen fällt trotzdem schwer. In der Bank fürchtete die Führung, schon die Umfrage zur Müdigkeit sende das falsche Signal. Die nächste Reorganisation war geplant.
Ob Führungskräfte selbst müde sind, hat die Dresdner Befragung nicht erfasst. Die Autorinnen hätten es gern gewusst. Wer Veränderungen anstößt, steckt meist in mehreren zugleich.
Was gibt Veränderung ihre Glaubwürdigkeit zurück?
Am Wunsch aus Dresden lässt sich ansetzen. Erst Stabilität, dann das Nächste.
Ein Vorhaben ist erst vorbei, wenn jemand sagt, dass es vorbei ist. Was erreicht ist und was nicht. Was bleibt und was aufhört. Das nimmt Unsicherheit. Erst dann kann das Nächste glaubwürdig beginnen.
Zu jedem neuen Vorhaben gehören zwei Fragen. Was hört dafür auf? Und welchen Grund sieht man im eigenen Geschäft? Absteigen ist auch ein Ende, davon handelt Das eigene Pferd.
Danach braucht es eine Pause. Große Umbauten nur als letztes Mittel, raten de Vries und de Vries. Weniger anzufangen hilft also auch.
Nietzsche hat dafür ein Bild. Sein Zarathustra legt sich „um die Stunde des vollkommnen Mittags“ neben einen Baum und schläft ein. „Still! Still! Ward die Welt nicht eben vollkommen?“ Seine Seele ist müde wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief, „der langen Reisen müde“. Diese Müdigkeit kommt am Ende einer Reise.
Was ist bei Euch zuletzt zu Ende gegangen?
Quellen
- Sylvia Franke-Jordan, Sophie Berger, Jessica Heilfort: Change Fatigue am Arbeitsplatz. Untersuchung des Zusammenhangs von Change Fatigue mit demografischen und betrieblichen Faktoren. In: Gesellschaft für Arbeitswissenschaft (Hrsg.): Frühjahrskongress 2025, Aachen. Arbeit 5.0. GfA-Press, Sankt Augustin 2025, S. 321–326.
- Machteld S. E. de Vries, Michiel S. de Vries: Repetitive reorganizations, uncertainty and change fatigue. Public Money & Management 43 (2), 2023, S. 126–135. Online seit 06.04.2021.
- Noufou Ouédraogo, Mohammed Laid Ouakouak: Antecedents and outcome of employee change fatigue and change cynicism. Journal of Organizational Change Management 34 (1), 2020, S. 158–179.
- FTI Consulting: Studie: 85 Prozent der Unternehmen sehen Veränderungsmüdigkeit. Pressemitteilung vom 19.02.2026.
- Andrea Montua: Change Fatigue: Die „Energiekrise“ im Unternehmen. KOM-Magazin, 10.02.2026.
- Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Vierter und letzter Teil, „Mittags“, 1885.